Duftend eingeseift

Von Lena Rückerl

Eine breite Fußgängerzone erstreckt sich. In der prallen Sonne glitzern die Metallständer vor den vielen kleinen Läden. In der Mitte der Allee spenden Bäume Schatten. Vor einem Geschäft steht eine übergroße Bade-Ente. Das verschnörkelte, rote Ladenschild titelt „Einseifer-seit 1762“.

Beim Betreten des roten Teppichs, der in den Laden führt, schlägt einem ein intensiv süßer Duft entgegen. Es scheint Lavendel zu sein, zugleich Erdbeere oder Rose, vielleicht aber auch Zitrone. „Hallo, kann ich Ihnen helfen oder schauen Sie nur?“, tönt eine warme Stimme mit leicht sächsischem Dialekt von der linken Seite des Raumes. Vor einer gemusterten, viktorianisch aussehenden Tapete steht der Verkaufstresen, hinter dem eine junge, rothaarige Frau lächelt. Neben ihr drängen sich verschnörkelte Holzregale und Gestelle. Sie sind gefüllt mit Seifen, Flaschen, Schalen und Körben in allen Farben des Regenbogens. „Seide“, „Kaffee“, „Sanddorn“ oder „Lavendel“ steht auf kleinen Schildern.

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Zwei ältere Damen in der Mitte des Raumes nehmen jedes Stück Seife in die Hand und halten es an die Nase. „Riecht gut, oder?“. Der Mann neben ihnen brummt mit verkniffenem Mund: „Hm“, wirft mit zusammengezogenen Augen einen Blick auf eine Seife in Form einer Zitrone und lässt mit verschränkten Armen den Blick weiter zum anderen Ende des Raumes schweifen. Dort gibt es eine Glaswand mit dem Schriftzug „Schauwerkstatt“: Sie gibt Einblicke auf große Arbeitsflächen, leere Kartons und Tiegelchen und Fläschchen mit verschiedenen Aromen. Während der Mann inzwischen den Laden verlassen hat, bezahlen die Frauen die Seifen. Die Verkäuferin zögert, zieht die Stirn kraus und eilt schließlich durch den Laden zu einem der Tische mit den Seifen. Schnell lässt sie den Blick über die Preisschilder schweifen.  „Entschuldigung, ich kenne Preise nicht so genau, normalerweise verkaufe ich nur zweimal im Monat.“

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Kerstin Böhm ist eigentlich für den Onlinehandel des Geschäftes zuständig und stellt Badekugeln und Petit Fours, kleine „Badetörtchen“, her. „Viele Kollegen stellen etwas her, also jeder hat seinen Bereich“, erklärt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Es werden zwar auch Produkte aus England oder Frankreich eingekauft, aber die Manufaktur in Dresden-Neustadt produziert viele Produkte selbst. So beliefert sie neben dem Stammhaus in Meißen und einer Filiale in Regensburg auch Großkunden. Während Böhm über das Sortiment spricht, trägt sie die zuvor verkauften Artikel in eine Liste ein. Abgesehen von den leisen Gesprächen der Kunden ist es ruhig in dem Raum. Nur wenn neue Interessenten den Laden betreten, hört man durch die geöffnete Tür den verschwommenen Klang des Saxophons eines Straßenmusikers.

Sind gerade keine Käufer im Laden, huscht Böhm schnell in die „Schauwerkstatt“ und verpackt Shampoo-Seifen in kleine Pappkartons. Ihr mit Blumen tätowierter Arm bewegt sich hin und her und ihre Augen strahlen beim Sprechen. „Die Shampoo-Seifen gehen im Moment wie verrückt. Früher hatten wir um die auch noch Plastik außen rum, aber das braucht es eigentlich gar nicht.“ Durch das wachsende Umweltbewusstsein werden Seifen immer beliebter. Männer und Frauen aller Altersgruppen besuchen den Laden.

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Plötzlich betritt ein Mann mittleren Alters das Geschäft: „Sonst gibt’s immer Stoffe und Wolle, Wolle und Stoffe. Jetzt gibt’s erstmal Seife“, sagt er lautstark zu der Frau hinter ihm. Zielstrebig geht er zum hinteren Ende des Raumes und studiert die Auslage. „Wo sind denn hier die Männer? Das ist immer etwas versteckt!“ Böhm lotst ihn zum Tisch mit den Rasierseifen. Ohne zu zögern greift der Kunde zwei Dosen der Rasierseife mit „Sandelholz-Duft“. „Das sind die Einzigen, auf die ich nicht allergisch reagiere.“ Er hat schon oft beim „Einseifer“ eingekauft und nutzt einen Geburtstagsbesuch in Dresden, um Nachschub zu kaufen. Die leeren Dosen benutzt er dann als Aufbewahrung für zum Beispiel Schrauben.

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Die Dosen der Rasierseifen können vielfach weiterverwendet werden.

„Ja, es freut uns immer, wenn Kunden mit unseren Produkten zufrieden sind“, lacht Böhm über seine Erzählung. Für jeden Kunden hat sie ein Lächeln, mit jedem führt sie ein kleines Gespräch. Einer älteren Dame erklärt sie die Unterschiede zwischen Schafsmilchseifen und Arganölseifen.

Bei Seifenworkshops können die Verkäufer noch genauer auf etwaige Allergien von Kunden eingehen. Beim Sieden von Seifen kann jeder ganz individuell auf Aromen, Farbe und Form bestimmen. Einzelne Inhaltsstoffe können variiert werden, aber die bewährte Grundrezeptur bleibt gleich.

Böhm gefällt die Abwechslung des Berufes. „Der Kollege, der damals aufgehört hat, hat mir das alles beigebracht.“ Die Verkäuferin hatte sich davor schon mit Seife gewaschen. Die Anstellung bei der Seifenmanufaktur, fand sie durch Zufall vor vier Jahren.

Während sie in der Schauwerkstatt Etiketten auf die Seifenkartons klebt, betritt ein junges Mädchen in zerrissener Jeans und bauchfreiem Top den roten Teppich. Lächelnd stürzt sie auf das Regal mit den Badekugeln zu. Als sie in die Hocke geht, schleift die Plastiktüte in ihrer Hand, auf der der nackte Oberkörper eines Mannes abgebildet ist, auf dem Boden. Ihre Mutter folgt ihr langsam, wendet sich dann aber lieber den „Meisner Lanolinseifen“ zu. „Hallo, kann ich Ihnen helfen oder schauen sie nur?“, fragt Böhm, die gerade aus dem hinteren Teil des Ladens hinter den Verkaufstresen geeilt ist. „Machen Sie diese Seifen alle selbst?“

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Vor allem junge Menschen lieben die bunten Badekugeln.

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